Die Solmisation im Aufwind?
Viele Ansätze – ein Ziel
Ward, Kodály, Gordon, Jale – hinter diesen vier Namen und Bezeichnungen stehen Systeme der relativen Solmisation mit je eigener Ausprägung – und das sind bei weitem nicht die einzigen! Insgesamt erhält die relative Solmisation seit einiger Zeit wieder mehr Aufmerksamkeit. Initiativen in der Grundschule wie PrimaCanta, SingPause oder JeKiss bauen darauf auf. Rheinland-Pfalz übernimmt Solmisation inzwischen in den Teilrahmenplan Grundschule/Musik. In Musikschulen profitieren Schüler*innen in Chören, Bläser- oder Streicherklassen von solmisationsgestütztem Unterricht. Eine Übersicht über die Verbreitung versucht die “Solmisations-Landkarte” im Internet.
Gab es an der Landesmusikakademie Berlin (LMAB) bisher punktuell Workshops zur Solmisation, führt die vermehrte Nachfrage aktuell zu einem sich verdichtenden Workshopangebot: 2025 fand auf Initiative der bezirklichen Musikschulen Berlins ein Kurs für die Ward-Methode statt, der 2026 erfolgreich wiederholt wurde und künftig weiter eingeplant wird. Kennzeichen der Methode sind beispielsweise vereinfachte Singgesten in der Vertikalen und eine Ziffernnotation. In Deutschland wirkt die Ward-Methode sowohl in der Breite – durch die Initiative SingPause an Grundschulen – als auch in der Spitze durch die Anwendung in Domsingschulen.
Mit einer weiteren Berliner Musikschule intensiviert sich die Zusammenarbeit zur Einführung der relativen Solmisation nach Kodály. Es besteht der Wunsch, in der Arbeit mit Chören die Intonation zu verbessern, auf der Basis von Sinneswahrnehmungen die Notenschrift zu erschließen und Blattsingfertigkeiten zu entwickeln. Kodály baut seine Methode auf einem umfänglichen Volksliedgut auf und nutzt dabei das Do-Re-Mi-Tonsilben-Modell mit den weithin bekannten Handgesten.
Auf der Wunschliste für Lehrkräfte der elementaren Musikpädagogik steht überdies die Music Learning Theory nach Gordon. Die Entwicklung des inneren Hörens beginnt bei Gordon ab der Geburt mit melodischen und rhythmischen Pattern auf leicht aussprechbaren Silben wie “ba”. Die umfangreiche Methode ist stärker harmonisch orientiert und nutzt keine Gesten.
“Jale” nennt sich diejenige Methode, die in der DDR in der Schule und in der Ausbildung zur Kindergärtnerin vorgesehen war und sich vor allem durch eine andere Silbenauswahl abhebt. Der geographischen Lage der Landesmusikakademie Berlin ist es geschuldet, daran zu erinnern. Jedoch gibt es momentan keine erkennbaren Wünsche, dieses System zu reaktivieren.
All diese Ausprägungen der relativen Solmisation versprechen eine musikalische Alphabetisierung, die Ausbildung der inneren Tonvorstellung und Entwicklung des intonationssicheren Singens. Die Einführung in das Notensystem, das Blattsingen und in musiktheoretische Zusammenhänge wären außerdem zu nennen. Die Landesmusikakademie Berlin versteht sich als Verstärker für diejenigen Ansätze, die in der Praxis Erfolge versprechen und nimmt damit Abstand vom zerstörerischen Methodenstreit, der vor ungefähr hundert Jahren in Deutschland brodelte und langwierige Folgen zeitigte.
Orientierung und Evaluierung
Doch mit dem Ja zur Vielfalt eröffnet sich eine andere Schwierigkeit: Möchte man sich als erwachsene, musikpädagogisch tätige Person die relative Solmisation erschließen, steht man vor der Frage, welcher Ansatz am besten zu den eigenen Vorstellungen – und zur jeweiligen Zielgruppe – passt. Schließlich sind etwa sieben Fortbildungstage und etliche Übestunden zu investieren, um ein erstes Standbein für die Anwendung zu entwickeln. Auch die engagierte Fachgruppen- oder Musikschulleitung, die einen Qualitätssprung anstoßen möchte, wird die Frage diskutieren, welchem System Vorrang für einen derartigen Schwerpunkt eingeräumt wird.
Leider existieren wenig Orientierungshilfen für diese Fragen. Ein evidenzbasiertes Vorgehen ist derzeit nicht möglich, denn die Studienlage lässt bisher keine klaren Rückschlüsse auf spezifische Wirkungen zu (Oravec&Steffens, 2021). Weder wird deutlich, welche Methode die besten Ergebnisse erzielt, noch konnte geklärt werden, welches Element innerhalb eines Ansatzes (Silben, Handzeichen, Kleinschrittigkeit, Zeitumfang etc.) den größten Einfluss auf die insgesamt positiven Ergebnisse hat.
Aktuelle Veröffentlichungen, die sich dieser Frage ausgewogen annehmen und dabei kein umfangreiches Fachwissen voraussetzen, sind bislang rar. Einen Versuch unternimmt Martin Losert in seiner Dissertation zur Tonika-Do-Methode, indem er einen fünfunddreißigseitigen Abschnitt dem Vergleich von acht Systemen widmet und kenntnisreich differenziert. Trotz dieser Darstellung fällt eine Wahl möglicherweise weiterhin schwer. Welche Entscheidungshilfen wären zielführender? Wünschenswert an erster Stelle wären Forschungsergebnisse, doch dieser Weg verspricht keine schnelle Abhilfe. Einen ersten konkreten Schritt hat eine Berliner Musikschule mit der LMAB vereinbart: Ein internes Fachgespräch mit Lehrenden resp. Anwendenden von Gordon, Ward und Kodály erkundet Ziele, Vorteile und Grenzen der jeweiligen Methode. Lassen sich darüber hinaus Musikpädagog*innen finden, die in mindestens zwei Systemen ähnlich gut ausgebildet sind und eine faire Diskussion der Ansätze leisten? Kann eine Synopse die Ähnlichkeiten und Besonderheiten in Beziehung setzen? Oder bringt ein Einführungsworkshop für mehrere Systeme so weitreichend in das praktische Erleben, dass sich danach die Entscheidung treffen lässt, welcher Weg zu einem selbst passt? Dass es keinen Vorrang einer Methode per se gibt, sondern die Methode zur Lehrkraft passen sollte, lässt sich aus Rose Daniels Studie „Relationship among selected factors...“ (1986) ableiten. Sie führt aus, dass der pädagogische Erfolg weniger von der gewählten Methode abhängt als von der Überzeugung der Lehrkraft, dass das angestrebte Ziel (etwa das Blattsingen) von zentraler Bedeutung sei.
Beate Robie
