»Bachs Erben«: Ein Jugendbarockorchester ist erwachsen geworden
Kloster Michaelstein im August 2006: 24 junge Leute treffen sich in dem altehrwürdigen Gebäudekomplex im Harz, um gemeinsam Barockmusik zu machen. Nichts Außergewöhnliches, möchte man meinen, schließlich gibt es auch anderswo Kurse für Alte Musik. Doch hier entsteht etwas Neues. Ein richtiges Orchester wird gegründet – „Bachs Erben“, das Jugendbarockorchester Michaelstein. Es soll jungen Musikern den profunden Einstieg in die Barockmusik und die historische musikalische Aufführungspraxis ermöglichen.
Was 2006 als Experiment begann, kommt nun ins Twen-Alter. Von Experiment kann da wirklich keine Rede mehr sein, aber es ist nach wie vor alles andere als Routine. Eine solche würde auch sicher niemanden der jungen Leute im Alter zwischen 14 und 22 Jahren aus ganz Deutschland nach Michaelstein locken. Was also ist das Besondere an diesem Orchester, was auch nach zwei Jahrzehnten Mitwirkende wie Publikum in seinen Bann zu ziehen vermag?
Eine kurze Antwort auf diese Frage gibt es allerdings nicht. Sicher spielen die Atmosphäre der klösterlichen Umgebung, das Gemeinschaftsgefühl unter Gleichgesinnten, die guten räumlichen und technischen Voraussetzungen in Michaelstein – der Landesmusikakademie von Sachsen-Anhalt – eine nicht unmaßgebliche Rolle. Doch am wichtigsten dürfte die Art und Weise des Umgangs mit Barockmusik sein, die die in der Regel vier bis fünf Probenphasen im Jahr prägt. Da ist nichts von Langeweile zu spüren, da lebt, da pulsiert alles. Dafür sorgt das Dozententeam, das sich hauptsächlich aus Mitgliedern der Akademie für Alte Musik Berlin um den Cembalisten Raphael Alpermann zusammensetzt. Es war ein Glücksumstand, dass sich weiland die Intentionen der Akamus, etwas für den musikalischen Nachwuchs zu tun, mit dem Bildungsauftrag und den Möglichkeiten Michaelsteins und den Förderzielen des Vereins Mitteldeutsche Barockmusik e. V. trafen. Nach den nötigen Vorüberlegungen wurde also ein Jugendbarockorchester aus der Taufe gehoben, in dessen kurze Zeit später angenommenem Namen „Bachs Erben“ sich Tradition und Wirklichkeit, aber auch Anspruch verbinden.
Was zunächst nicht mehr als eine Hoffnung sein konnte, hat sich längst als tragfähige Idee erwiesen. Aus der Vielzahl der Projekte seien hier einige herausgegriffen, die die Arbeitsweise des Orchesters zu illustrieren vermögen. Um eine zentrale 10-tägige Sommer-Probenphase, die Anfang August durchgeführt wird, gruppieren sich ein kurzes Einstiegs- bzw. Kennenlernseminar „Praeludium“ im Frühjahr und zwei bis drei weitere, an den Daten von Musikerjubiläen, Musikfestivals oder anderen Gelegenheiten ausgerichtete Arbeitsphasen. Die Musik Johann Sebastian Bachs ist dabei Dreh- und Angelpunkt. So wird im Sommer immer eine Bach-Kantate ins Konzertprogramm aufgenommen. Darüber hinaus gibt es aber keine Berührungsängste, und oft genug schimmert auch der Experimentalgedanke durch verschiedene Projektkonzepte. Hierzu zählen z. B. „Alte und Neue Musik im Dialog“ (2010), die Einbeziehung von Barocktanz, Break Dance oder Ausdruckstanz („Alcina“ 2008, „KRICH“ 2017, „Porta patet“ 2025) oder die Uraufführung von Opernfragmenten Händels („Gensericos Rache“ 2012). Orchesterprojekte stehen gleichberechtigt neben eher kammermusikalisch ausgerichteten Projekten, mit denen „Bachs Erben“ auch hin und wieder als musikalische Botschafter Sachsen-Anhalts unterwegs sind (Konferenz der Ministerpräsidenten 2010 Magdeburg, 20-jähriges Jubiläum der Partnerschaft Sachsen-Anhalt/Centre-Val de Loire 2024 in Tours und Orléans). Inzwischen stehen Reisen nach China, Bulgarien, Kolumbien, Finnland und in die Niederlande, Auftritte bei Festivals wie dem Händelfest Halle, den Tagen Alter Musik Regensburg, den Fasch-Festtagen Zerbst/Anhalt, den Thüringer Bachwochen oder dem Güldenen Herbst in der Vita des Orchesters, und die Liste der Konzertorte würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Eine besondere Herausforderung sind – schon allein wegen der erforderlichen Besetzung – große Chorprojekte. Die Aufführung von Bachs h-Moll-Messe mit dem Deutschen JugendKammerChor zur Nürnberger Orgelwoche und zur chor.com in Dortmund sowie der Kantorei „lux aeterna“ in Bogotá im Jahr 2013 wäre hier zu nennen, aber auch die Zusammenarbeit mit dem MDR-Kinderchor (Bachfest Leipzig 2022) und der Singakademie Dresden („Wunderkinder“ 2023).
Mit einem solchen Chorprojekt wird in diesem Jahr auch der 20. Geburtstag des Orchesters gefeiert: mit dem Oratorium „Vita Christi“. Bei diesem Werk handelt es sich um eine von Raphael Alpermann vorgenommene Zusammenstellung von Ausschnitten aus Bachs h-Moll-Messe sowie aus verschiedenen seiner Kantaten, in deren Abfolge das Leben Jesu Christi nachgezeichnet wird. Das monumentale Werk erlebte seine Uraufführung 2013 beim Sächsischen Mozartfest und beim Bachfest Leipzig. Gemeinsam mit dem Rundfunk-Jugendchor Wernigerode – der in diesem Jahr übrigens sein 75-jähriges Bestehen begeht – und Solisten wird es nun im August Aufführungen in Michaelstein, Magdeburg und Halle (Saale) geben.
„Die Idee ist ganz einfach, es musste nur einer darauf kommen“, befand bereits 2006, nach dem ersten Konzert von „Bachs Erben“, ein Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung. Die ursprünglich „einfache“ Idee – sie trägt, ganz real, auch nach 20 Jahren.
Bert Siegmund
